Lot 600
Seyler, Julius
1873 München - 1955 Ebenda
Auf dieses Los nicht bieten! Hierbei handelt es sich lediglich um einen erläuternden Text über den Künstler Julius Seyler.
Der Spätimpressionist und die Höllenhunde der Prärie
„Immer wieder wundere ich mich, wie es nur kommt, dass ich, Münchner Maler, hier sitze am Rand der Prärie. Indianer vor ihrem Zelt, in der Ferne die Kette der Rocky Mountains“, schrieb der Künstler Julius Seyler im Jahr 1913. Im Glacier Nationalpark in Montana traf er auf die Blackfeet-Indianer, den berüchtigten „Hellhounds of the Plains“. Doch die Zeiten der ‚edlen Wilden‘, die die weite Prärie beherrschten und riesige Büffelherden jagten, gehörten bereits der Vergangenheit an. Die Begegnung von Künstler und Indigene entsprach so gar nicht der klassischen Vorstellung, die aus den Karl-May-Büchern entspross. Vielmehr warteten die Blackfeet gehüllt in ihre folkloristische Tracht am Bahnhof des Nationalparks auf Neuankömmlinge, um diese willkommen zu heißen: eine reine Touristenattraktion. Dort traf Seyler, der von einem US-Eisenbahnmagnat als Werbemaler für den Nationalpark engagiert wurde, das erste Mal auf den indigenen Stamm. Doch für Seyler war es mehr als ein oberflächliches Schauspiel: nach nur einer Arbeit seines Auftrags ließ er diesen hinter sich und zog fortan freundschaftlich mit den Blackfeet durch die Rocky Mountains. Stolz war er besonders auf seinen neuen Namen, den er nach kurzer Zeit und unter großen Zeremonien erhalten hatte: „Alle nennen mich bei meinem Indianernamen ‚Boss Ribs‘.“ Die Werke, die er in dieser Zeit malt, sind äußerst begehrte Motive. Sie erinnern an die Dynamik van Goghs, schwelgen in atmosphärischen Farbnuancen und sind auf das Wesentliche reduziert. Sie bilden nicht die Realität der in Reservate lebenden Indigenen ab, sondern erzählen von der Freiheit eines stolzen Stammes vergangener Zeit.
„Die Gesichter dieser Landschaft sind ewig wechselnd aber immer ernst, einsam und stolz.“
Doch sein Abenteuer in den Rocky Mountains endete abrupt. Die Kunde, dass sich die Welt im Krieg befand, traf Julius Seyler „wie ein Blitzschlag“. Obschon er sofort aufbrach, war eine Rückkehr nach Deutschland aufgrund der Seeblockade der Engländer nicht mehr möglich. Julius Seyler verblieb in den Vereinigten Staaten und übernahm mit seiner Frau Helga, die er an der Münchner Akademie kennengelernt hatte und die selbst aus St. Paul in Minnesota stammte, die Farm seines Schwiegervaters. „Ich bin Farmer“, schrieb Julius Seyler und war sich der Ironie dieser Aussage wohl bewusst. „Die Kuh mußte gemolken werden, ich hatte keine Ahnung davon, das wurde an der Akademie der bildenden Künstle nicht gelehrt.“ Die Jahre bis 1921 waren geprägt von stetig zunehmenden Anfeindungen und einer immensen körperlichen und mentalen Belastung. Selbst die Ausübung seiner eigentlichen Profession, der Kunst, war ihm in dieser Zeit nicht möglich.
„Jahre gingen, verloren für immer. Eine rasende Angst ist in mir, ist es zu spät?“
Für Julius Seyler, der sich mit seiner bisher erlangten künstlerischen Virtuosität nie zufriedengegeben hatte, kam die Rückkehr nach Deutschland einem beängstigenden Neubeginn gleich. Durch regelmäßige Ausstellungsbeteiligungen (vor allem im Glaspalast) erarbeitete er sich jedoch wieder rasch eine eminente Stellung im Kunstbetrieb. „Hier kommt ein Maler zu Wort, der nicht einer unter vielen ist, sondern ein Bahnbrecher in schwieriger Zeit und auf schwierigem Boden“, bekundete Galerie Helbig in München.
Seine erfolgreiche Karriere war schwerlich vorherzusehen. Doch Seylers hohe Begeisterungsfähigkeit und Beharrlichkeit waren schon in jungen Jahren berüchtigt. So klagte sein Gymnasiallehrer über die unbändige Intensität des jungen Seylers, der „in seinen Freistunden wie ein Besessener am Land und Eis“ rennt – sowie seine spöttisch-scharfen Karikaturen im Schulheft, die „zum größten Gaudium der Klasse“ avancierten. Die Freude am Laufen, insbesondere dem Eislauf, äußerte sich alsbald in sportlichen Wettläufen, die ihn zur Teilnahme an internationalen Wettbewerben führten. So gewann er 1896 und 1897 die Europameisterschaft in Hamburg und Amsterdam und errang auf der Weltmeisterschaft in Davos 1897 den 2. Platz. Doch sah er von der Fortführung seiner professionellen sportlichen Karriere alsbald ab und widmete sich gänzlich dem Studium der Kunst an der Münchner Akademie, die er von 1894 bis 1906 besuchte.
Schon im Jahr 1907 wurde der Münchner Galerist Heinrich Thannhauser, der ein feines Gespür für junge Talente moderner Kunst besaß, auf den Künstler aufmerksam und sicherte sich sogleich das Alleinverkaufsrecht. Fortan fanden die Werke Seylers neben Arbeiten von Picasso, Gauguin, Liebermann oder Franz Marc ihren Platz in den prestigeträchtigen Ausstellungen und fanden erlauchte Abnehmer, wie beispielsweise Prinzregent Luitpold.
„Ein Motiv habe ich gefunden, bin ganz begeistert. Du kennst doch die wunderbare Landstraße hinter Diessen mit ihren Pappeln und Birken“, schrieb der Münchner Künstler Julius Seyler enthusiastisch. Hatte ihn einmal ein Motiv gepackt, ließ es ihn so schnell nicht los. „Die Natur ist für mich kein Stillleben, das man bedächtig abmalt. Sie ist ein großes, glückhaftes, oft aber auch schreckhaftes Erleben. Das möchte ich fassen, ich möchte es nicht nur, ich muss es!“ Wieder und wieder widmete er sich so der künstlerischen Darstellung eines Themas – stets auf leicht unterschiedliche Weise. „Man hat mich einen Impressionisten genannt. Bin ich das…? Was ist Impressionismus? Ich weiß es nicht. Ich habe gerungen und gekämpft um mehr als Virtuosität, mehr als eine stilistische Formel. Was mich zur Arbeit zwingt ist das Erlebnis des Lebendigen, das geheimnisvolle Walten der Natur.“ Seyler zog es hinaus in die Welt, um die neuesten künstlerischen Impulse zu entdecken und die Landschaft und die Menschen hautnah zu erleben. Seine Reisen führten ihn in die Niederlande und nach Belgien – dort entdeckte er das Motiv der Crevetten- und Tangfischer für sich – nach Norwegen und Frankreich. Gerade die großen französischen Avantgardisten um Paul Cezanne übten einen nachhaltigen Eindruck auf ihn aus. Auch nach seiner Rückkehr aus den USA führte die starke positive Resonanz, die seine Werke erregten, u.a. zu Ankäufen vom bayerischen Staat sowie 1924 zu seiner Ernennung zum Professor an der Münchner Akademie. Den Zweiten Weltkrieg – als weiteres einschneidendes Erlebnis – verbrachte Seyler von 1940 bis 1942 in der Abgeschiedenheit von Icking bei Wolfratshausen und von 1943 bis Kriegsende in Hirschau bei Grabenstätt am Chiemsee. Doch das Glück war Seyler nur bedingt hold. Ein nicht geringer Teil seines Schaffens wurde im Zuge der Bombenangriffe auf München zerstört. Sein Atelier erlitt einen direkten Treffer, der Keller der Neuen Pinakothek, in die etliche seiner Werke zum Schutz eingelagert wurden, wurde von zerstörten Wasserleitungen überflutet. Doch Julius Seyler ließ sich von dem Verlust der Werke nicht entmutigen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1955 in München beschäftigte er sich weiterhin unermüdlich mit der Kunst. Schließlich war sie für ihn mehr als eine reine Profession: „Andere schreiben ihre Erinnerungen – ich male sie.“
Franz E. Gailer