Lot 538
Olaf Gulbransson und Josef Oberberger
Auf dieses Los nicht bieten! Hierbei handelt es sich lediglich um einen erläuternden Text über die Künstler Olaf Gulbransson und Josef Oberberger.
Der "Kraftkerl mit der spitzen Feder" und sein Meisterschüler
Als "Titan der Zeichenkunst" wurde Olaf Gulbransson (1873-1958) bezeichnet - oder als "Kraftkerl mit der spitzen Feder". Ein wahres norwegisches Unikum, das nicht davor zurückschreckte, seinen Standpunkt durchzuringen, zugleich aber gutmütig und zurückhaltend war. In den Sommermonaten trug er kaum mehr als einen Schurz und ein zusammengeschlagenes Handtuch als Sonnenschutz auf dem Kopf, da er sich diesen täglich kahl rasierte. Sein unbeugsamer, unkonventioneller Charakter kam jedoch nicht nur in seinem Erscheinungsbild zum Vorschein, sondern ebenso in seinen Karikaturen, in denen er auf humorvoll-spöttische Weise die bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit aus Kunst, Kultur und Politik aufs Korn nahm. Doch Unmut herrschte deshalb bei König Ludwig III., Thomas Mann, Edvard Munch und Co. nicht. Vielmehr galt es als Ehre, von Gulbransson gezeichnet zu werden - zumal seine Ausdrucksweise nicht von beißendem Spott, sondern vielmehr von einer versöhnlich-humorvollen Art geprägt war.
"Wie seltsam es ist, daß einem ein so spitzes Ding wie der Bleistift der ganze Lebensinhalt werden kann."
Obschon der Zeichenunterricht, den er in seiner Geburtsstadt Oslo erhalten hatte, so gar nicht nach seinem Geschmack war, hielt der junge Mann doch an seiner Leidenschaft fest. Bald erkannte er, "[...] dass die Karikatur eine Waffe ist" und veröffentlichte erste Ausführungen in norwegischen Satirezeitschriften. Dies erregte die Aufmerksamkeit des deutschen Verlegers Albert Langen, der den Norweger im Jahr 1902 als festen Mitarbeiter für sein 1896 gegründetes Satiremagazin "Simplicissimus" nach München holte. Gemeinsam mit Thomas Theodor Heine (1867-1948) prägte Olaf Gulbransson fortan in erheblichem Maße den Stil der Zeitschrift, die für Max Liebermann (1847-1935) "das Genialste [darstellt], was München hervorgebracht hat". Während des Ersten Weltkrieges, in dem er als Propagandazeichner tätig war, zog er nach Berlin, trat der Berliner Secession bei und erhielt durch das Bestreben Liebermanns ein städtisches Atelier. Dort lernte er auch den Künstler Heinrich Zille (1858-1929) kennen, mit dem ihn fortan eine kollegiale Freundschaft verband. Doch lange hielt es den Naturburschen mit seiner innigen Leidenschaft für den Freikörperkult nicht in der Hauptstadt und so zog er 1918 wieder nach München, wo der Nordländer im Jahr 1923 erst zum Professor an der Staatlichen Kunstgewerbeschule, 1925 gemeinsam mit Edvard Munch zum Ehrenmitglied der Akademie der Bildenden Künste und im Jahr 1932 schließlich zum Ordentlichen Professor als Nachfolger von Franz von Stuck (1863-1928) ernannt wurde. Zur gleichen Zeit erwarb der "Nordländer" oberhalb des Tegernsees den Schererhof, der fortan zu seinem Lebensmittelpunkt avancierte. An den bayerischen See, den Gulbransson nur "seinen Fjord" nannte, hatte ihn Ludwig Thoma (1867-1921) geführt. Beide verband eine innige Freundschaft, die aus der engen Zusammenarbeit für den Simplicissimus resultierte, da Thoma die Karikaturen des Norwegers mit den entsprechenden Bildunterschriften versah. Viele dieser Zeichnungen fertigte Gulbransson lediglich als Auftragsarbeit nach Vorgabe an. Dies gilt vor allem für politische Themen, für die er selbst kein großes Interesse hegte. Sein eigenes Augenmerk lag vielmehr auf menschlichen Eigenarten - besonders der Eitelkeit, die er immer wieder auf neue Betrachtungsweise karikierte. Mit wenigen, präzisen Strichen verstand er es, das wahre Wesen seines Motivs zu dechiffrieren. Der übermäßigen Verzerrung des Dargestellten, wie sie in der Karikatur nicht selten verwendet wurde, bediente er sich nicht. Er hielt sich gänzlich an ungewöhnliche Perspektiven und starke Verknappungen, die in seinen minimalistischen Darstellungen humorvoll zur Geltung kamen.
Als Professor war seine Lehrmethode äußerst unkonventionell. Während seiner Unterrichtsstunden sagte er meist gar nichts, sondern ging nur durch die Reihen seiner Malschüler und gab gelegentlich Grunzlaute von sich, bevor er dem zu Unterweisenden die Kreide abnahm und selbst zu zeichnen begann. Seiner Beliebtheit an der Akademie tat dies keinen Abbruch - ganz im Gegenteil.
"Ach, heute hätte ich den weitaus Begabtesten beinahe weggeschickt - ich hab ja schon so viele Staffeleien", offenbarte Gulbransson, nachdem der Oberpfälzer Künstler Josef Oberberger (1905-1994) im Jahr 1925 bei ihm um Aufnahme in die Klasse bat. Sogleich erhielt Oberberger, der zuvor eine Glasmalerlehre in Regensburg absolviert hatte und Mitglied der Regensburger Domspatzen war, ein eigenes Meisteratelier. Zwischen Gulbransson und Oberberger entwickelte sich eine innige Freundschaft. Im Jahr 1932 wurde Oberberger, der seine Werke bald nur noch mit "Obe" signierte, zum Leiter der Glasmalerei-Werkstatt der Akademie ernannt. In der Folge erhielt er zahlreiche kirchliche Aufträge wie für den Augsburger oder den Regensburger Dom, für die er eigens Glasmalereifenster schuf. Aber auch der Schererhof von Gulbransson wurde mit seinen Fenstern ausgestattet. Doch nicht nur der Glasmalerei frönte Oberberger, sondern auch - genau wie sein Lehrmeister - der Zeichenkunst, mit der er den Personen seines direkten Umfelds zu Leibe rückte. "Jetzt wandert der Oberberger an meiner Stelle von Staffelei zu Staffelei", verkündete Gulbransson stolz, nachdem Oberberger im Jahr 1952 zum Professor an der Akademie ernannt wurde.
Acht Jahre nach dem Tode Olaf Gulbranssons, der im Jahr 1958 erfolgte, wurde zu Ehren des Künstlers ein eigenes Museum in Tegernsee errichtet, das auch heute noch mit umfangreichen Ausstellungen an sein Leben und Schaffen erinnert.
Franz Emanuel Maria Gailer