Lot 700
Dorothea und Gyorgy Stefula
Im Paradies eines Künstlerehepaars
"Er strebt hinaus, sie blickt gedankenvoll in sich hinein. Er ist Vagant, sie richtet sich […] am liebsten in Schneckenhäusern ein." Das Künstlerehepaar Dorothea und Gyorgy Stefula vereinte die unterschiedlichsten Charakterzüge. Sie still, ernsthaft und introvertiert, er selbstbewusst, beschwingt und lebhaft. So gegensätzlich dies auch erscheinen mag, so einmütig und vertraut waren sie sich doch gleichsam: in ihrer gemeinsamen Verbundenheit und in ihrer Leidenschaft für die Kunst.
"In unserer Zeit, die so unerquicklich ist, sollte man nicht ängstlich sein, das Schöne zu zeigen." (Gyorgy Stefula)
Beiden war die neidlose Bewunderung des Talents des Anderen zuteil. Für den Erhalt der jeweiligen künstlerischen Identität hielten sie sich im künstlerischen Zusammenleben an strenge Regeln. Als ein Beispiel wären hierfür die getrennten Ateliers zu nennen, die man ohne vorherige Aufforderung nicht zu betreten hatte. Ein Raum für die eigene, freie Entwicklung ohne die Gefahr der kleinsten Einflussnahme war beiden maßgeblich. Entsprechend stellen sich auch die Ateliers dar: Gyorgys groß, offen, lichtdurchflutet und Dorotheas klein heimelig und gefüllt mit unzähligen Requisiten für ihre Stillleben und Interieurszenen. Gyorgy schuf euphorische Visionen mit kraftvoll selbstbewusstem Farbauftrag auf großen Leinwänden, Dorothea hielt sich an Kleinformate mit zartem Pinselstrich und sublimer Farbgebung.
Die beiden hatten sich im Jahr 1935 an der Akademie der Schönen Künste in Hamburg kennengelernt. Gyorgy verblieb dort lediglich drei Monate. Zu weit lagen seine Anschauungen über die Kunst mit denen seines Professors auseinander. Während Dorothea ihr Studium abschloss - zuvor hatte sie bereits eine Ausbildung als Buchillustratorin und Grafikerin an der Frauenberufsschule in Hamburg vollendet -, absolvierte Gyorgy die Meisterschule für Malerei in Altona. Im Jahr 1940 traten Sie schließlich in den Stand der Ehe über. Aufgrund der beständigen Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges flüchtete das junge Paar, das rasch Zuwachs bekam, an den Chiemsee. In Osternach bei Prien fanden sie im Jahr 1955 schließlich ein dauerhaftes Refugium. In der Folge beschickten sie - oft gemeinsam - zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland: von Zürich, Basel und Genf über Mailand und Bozen nach Hamburg, München und Berlin. Gyorgy Stefula erhielt Aufträge der Deutschen Bundespost sowohl für mehrere monumentale Wandbilder in München und Düsseldorf, als auch für Entwürfe von Briefmarken. Dorothea arbeitete neben Ihren Werken vor allem an Illustrationen für Kinder- und Schulbücher, Zeitschriften, Almanachen und Kalender. Gemeinsam entwarfen sie im Jahr 1955 die Bühnenbilder und Kostüme für das Ballett "Taubenflug", das in der Bayerischen Staatsoper aufgeführt wurde.
"Wenn ich einen Baum male, dann beginnt er zu wachsen, so wie er es will. Denn jedes meiner Bilder hat seine eigenen Gesetze, hat sein eigenes Leben", hielt Gyorgy Stefula fest. In unzähligen Nuancen von Grün wächst die botanische Vielfalt seiner paradiesischen Gärten - Grashalm für Grashalm und Blatt für Blatt. Man fühlt sich unweigerlich an die urwaldhaften Traumbilder eines Henri Rosseaus (1844-1910) erinnert. Aufgrund dieser Nähe wurde er nicht selten der naiven Malerei zugeordnet - eine Betitelung, die der Künstler sich stets verweigert hatte. Obschon die formale Ähnlichkeit zu dieser Stilrichtung nicht von der Hand zu weisen ist, entsprechen seine traumhaften Bilderwelten nicht der Naivität im Sinne einer kindlichen Unbefangenheit. Vielmehr stehen sie als Empfindungen des Natürlichen als verlorenes Paradies und ersehntes Ideal. Gyorgy Stefula selbst bevorzugte daher die Bezeichnung "magischer [oder] poetischer Realismus". Sein Mitteilungsbedürfnis für seine Arbeiten erschöpfte sich jedoch bereits mit dem letzten Pinselstrich. Damit war für ihn alles gesagt. Seine Werke stammen aus eigens gelebten Erinnerungen, sind Sehnsuchtsvorstellungen, die nicht erklärt werden müssen.
Im Gegensatz zu Gyorgys offenen, raumgreifenden Werken beschränken sich die Arbeiten Dorothea Stefulas verstärkt auf kleine, konzentrierte Bereiche: ein Zimmer, ein Tisch, ein Fensterbrett. In ihren Stillleben und Interieurs widmet sie sich vermeintlich unscheinbaren Gegenständen, die im Alltag keine große Beachtung finden: Tassen, Kannen, ein Nähgarn, Obst, ein angebissenes Brot. Nicht selten haben einzelne Gegenstände Macken oder präsentieren sich in Imperfektion. So finden sich Sprünge und Risse im Porzellangeschirr, Kratzer in Oberflächen oder braune Flecken im Obst. Doch mindert dies in den Augen der Künstlerin nicht den Wert, der diesen beizumessen ist. Vielmehr erhalten sie dadurch erst ihren besonderen Charakter. In ihrem Schaffen finden sich auch immer wieder menschliche Gestalten. Hierbei handelt es sich überwiegend um Frauen und Kinder, die mit einem Ausdruck von traumhafter Gelassenheit und nachdenklicher Ernsthaftigkeit versehen sind. Diese Motive bezieht sie meist aus dem eigenen Leben als Mutter und Großmutter und offenbaren ihren ganzen Stolz und ihre Fürsorge. Mit großer Geduld und Wahrheitsliebe führt Dorothea Stefula dem Betrachter ihre heimelige Welt vor Augen und weist auf das nur scheinbar Unscheinbare, dem nicht weniger Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegen zu bringen ist. Ihre Werke wirken durch ihre sanfte Intensität und stille Kraft.
Franz Emanuel Maria Gailer