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Franz Graf von Pocci (1807 München – 1876 München)
Das "blinde Werkzeug des Spottteufels"


Als „Diener dreier Könige“ war er bekannt, als „Kasperlgraf“ und als schonungsloser „Pasquillant“[1]. Doch um das überaus facettenreiche Leben des Franz von Pocci darzustellen, bedarf es mehr als die Auflistung seiner Ehrenbezeichnungen – gerade, da der 1807 in München geborene Pocci zu einer der vielseitigsten Künstlergestalten des 19. Jahrhunderts avancierte.

Allein sein sanguinisches, stets neue Herausforderungen suchendes Temperament führte ihn zu immer neuen Betätigungsfeldern. Er komponierte über 600 Operetten und Lieder, schrieb Balladen, Volksdramen und Almanache, und war als Hausdichter am 1858 eröffneten Münchner Marionettentheater tätig, für die er 42 Puppenkomödien mit dem Kasperl Larifari verfasste. Darüber hinaus bereicherte er maßgeblich die im 19. Jahrhundert noch sehr spärliche Kinder- und Jugendliteratur und spielte auf seinem Ritterlehen am Starnberger See Theater für die Kinder. Der universale Genius Franz von Poccis, der über die Grenzen von Kunst, Literatur und Musik hinweg unaufhörlich sprudelte, stand in einem bemerkenswerten Kontrast zu seiner höfischen Laufbahn unter drei bayerischen Königen, die von einem strengen Zeremoniell und Hierarchie geprägt war.

Anfänglich hatte sein Vater, der aus einer italienischen Adelsfamilie stammte, für Franz von Pocci einen juristischen Werdegang in der Verwaltung vorgesehen. Diesem Wunsch entsprach der beflissene 18-Jährige Pocci und begann ein Studium der Rechtswissenschaften. Doch es kam anders als geplant. Im Jahr 1830 berief König Ludwig I. – der guten Dienste des Vaters kundig – für den vakanten Posten des königlichen Kammerjunkers den jungen Pocci in seine Dienste. Dies stellte den Beginn von Poccis Karriere am königlich-bayerischen Hofe dar, an dem er bis zu seinem Tode im Jahr 1876 tätig war. Das Verhältnis zwischen dem König und seinem neuen Junker mag überaus vertraulich gewesen sein, denn noch im selben Jahr wurde Pocci zum Zweiten Zeremonienmeister ernannt. Fortan war er für die strikte Einhaltung des Hofzeremoniells zuständig. Sein Vater hatte als Lohn für seine treuen Dienste als Obersthofmeister unter Königin Therese Schloss Ammerland am Starnberger See erhalten, das 1844 auf Franz von Pocci überging. Im Jahr 1847 wurde Pocci schließlich zum Hofmusikintendant erkoren. Diese neue Stellung hätte er ein Jahr nach seiner Benennung beinahe wieder verloren, da er sich gegen den ausdrücklichen Wunsch des Königs stellte, einen Pianisten aus dem Umfeld von dessen Geliebten Lola Montez zu berufen. Allein die Abdankung König Ludwig I. in Folge dieser Affäre kam weiteren Konsequenzen zuvor. Franz von Pocci verblieb auch unter König Maximilian II. im Amt des Hofmusikintendanten. Erst mit dem Herrschaftsantritt von König Ludwig II. im Jahr 1864 wurde Pocci schließlich in das Amt des Oberstkämmerers berufen, das eines der höchsten Posten am Hof darstellte und den direkten Vorstand der königlichen Kammer und damit des Privatbereichs des Königs bedeutete.

Als Kind der Spätromantik hegte Franz von Pocci eine große Begeisterung für das Mittelalter. Um diese vergangene Zeit wiederaufleben zu lassen, gründete er daher mit Gleichgesinnten im Jahr 1831 die „Gesellschaft für Altertumskunde von den drei Schilden“ und 1838 den „Historischen Verein von Oberbayern“. Diese Leidenschaft offenbart sich auch in mannigfachen Zeichnungen, in denen er phantasievolle Burgen und Totentanzmotive darstellte. Sein ausgeprägtes künstlerisches Talent stellte Pocci aber nicht nur in seinen hervorragenden Zeichnungen unter Beweis, sondern vor allem als treffsicherer Karikaturist mit unverwüstlichem Humor und scharfem Blick. Seltenheitswert besitzen hingegen seine Werke in Öl. Das schnelle Erfassen und rasche zu Papier bringen einer Situation entsprach mehr seinem unsteten Wesen als das langwierige Ausarbeiten der langsam trocknenden Ölfarbe.

Poccis Karikaturen waren schonungslos. Sie gaben Ereignisse des täglichen Lebens, behördliche Verordnungen sowie menschliche Schwächen und Skurrilitäten mit provokant anmutender, satirischer Schärfe wieder. Gleichsam aber waren seine Karikaturen immer nur zur Erheiterung gedacht. Ihnen wohnt ein versöhnender Humor inne, der der Schärfe ihre Spitze nahm und keinen Gram aufkommen ließ. Pocci bewahrte immer höchstes Taktgefühl. Zudem war er nicht nur schonungslos gegenüber anderen, sondern vor allem auch gegenüber sich selbst. So stellte er sich selbst als Esel in goldbestickter Uniform dar, als Packträger, als „Schnack von Ammerland“[2] oder als „Monsieur le Maigre“ – als hageren Uniformträger mit Schiffshut. „Glauben Sie ja nicht, daß ich mit mir fertig bin“, stellte der bescheidene, zuweilen elegische Franz von Pocci fest. Für die „Fliegenden Blätter“ schuf Pocci zudem die äußerst amüsante Satire über den phlegmatischen Beamten „Staatshämorrhoidarius“, die überzeitliche Gültigkeit besitzt. Hinter den überzeichneten Figuren offenbart sich ein authentisches Bild des geselligen Lebens des 19. Jahrhunderts.

„Als ich im Jahr 1840 das Glück hatte, als ein höchst unnützliches Glied in der Gesellschaft Altengland aufgenommen zu werden, war ich schon längst dem Spottteufel verfallen und sein blindes Werkzeug geworden, nur das Terrain ward erweitert, welches ich zu bearbeiten gewohnt war [...]“ hielt Pocci als einführende Erläuterung zu den Kommentaren fest, die er zu den von ihm in der Münchner Gesellschaft „Altengland“ geschaffenen Karikaturen anfertigte. Hier traf sich die gesellschaftliche sowie geistige Elite der Stadt München, der neben Franz von Pocci unter anderem auch Herzog Max Joseph in Bayern, der Architekt Friedrich von Gärtner oder der Schriftsteller Franz von Kobell angehörten. Über 1400 Karikaturen entstanden im Zuge seiner Zugehörigkeit zu dieser Herrengesellschaft, von denen jedoch keine einzige für die Öffentlichkeit bestimmt war. Die Karikaturen sollten innerhalb der Gesellschaft – im Geheimarchiv „Altengland“ – verbleiben und allein späteren Mitgliedern zur Verfügung stehen.

„Selten [war mir] ein in Altengland zugebrachter Abend ohne Wert, ohne Bedeutung [...].“ Der Leitgedanke der Vereinigung galt – in Anlehnung an die Horaz’sche Sentenz des „Carpe Diem“ – rein der Vergnüglichkeit. Die Gesellschaft richtete sich halb spielerisch, halb ernsthaft nach altenglischer aristokratischer Lebensmanier. Mitglieder wurden Lords genannt, besaßen eigene entsprechende Aufgabenbereiche, hatten bei festlichen Diners in „Lordstracht“[3] zu erscheinen und sich an ein festes Zeremoniell mit dem Singen von Festliedern oder dem Dichten von Reimen zu halten. Der spätere Versammlungsort war – passenderweise – das „Englische Caféhaus“. Diese freigeistige Vereinigung und ihre lockere, selbstironische Atmosphäre boten dem scharfen, humorvollen Auge Poccis eine reizvolle Grundlage und beflügelten seine unerschöpfliche Erfindungsgabe. In wenigen, aber höchst sicheren Strichen schuf er mit seinen Karikaturen intime, humorvolle Einblicke in eine Welt, die uns heute ansonsten gänzlich verborgen geblieben wäre.

Franz E. Gailer
 

[1] Pasquillant = Verfasser einer Spottschrift
[2] „Schnack“ = lästige Mücke
[3] Die „Lordstracht“ bestand unter anderem aus einem „Lord-Hütl“, einer Halsbinde mit herabhängenden Enden, Strümpfen über die Knie oder ebenso hohe Stiefel.